Grenzen überwinden, Geschichte erzählen
- 14. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Auch dieses Schuljahr nahm die Schulstation des Instituts sowohl an der Unesco Projektwoche als auch am Anne Frank Tag teil. Die Überthemen waren "Grenzen überwinden" sowie "Geschichte erzählen" und ließen sich gut miteinander verknüpfen.
In den drei Lerngruppen gestalteten die Pädagog*innen gemeinsam mit den Schüler*innen mehrtägige Projekte, die über den klassischen Unterricht hinausgingen. Der Schwerpunkt lag darauf, Empathie, Geschichte, Zeitverständnis und Grenzenerfahrungen zu verbinden.

Gruppe eins umfasste die jüngeren Kinder. Ziel dieser Zusammenarbeit war das gemeinsame Lesen der „Anne Frank Zeitung“, die den Zugang zur Biografie und zur historischen Situation der Familie Frank eröffnete. Im Mittelpunkt stand dabei die Biografie von Margot Frank, Annes älterer Schwester, ebenso wie die Erinnerung an Hannah Pick-Goslar, Annes bester Freundin, die später eine wichtige Zeitzeugin wurde. Die Schüler*innen stellten sich grundlegende Fragen: Was bedeutet es, ausgegrenzt zu werden? Welche Formen von Ausgrenzung gab es damals und welche gibt es heute? Durch den intensiven Austausch wurde die Entwicklung ihrer Empathie gefördert und ein Verständnis dafür geschaffen, wie persönliche Lebenswege von äußeren Umständen geprägt werden können. Ergänzend verfassten die Teilnehmenden Postkarten, in denen sie ihre Gedanken, Fragen und Hoffnungen zum Thema Ausgrenzung festhielten. Diese Postkarten dienten später als Erinnerungsanker und Ausdrucksmittel für das, was die Woche bewegt hatte.

Gruppe zwei widmete sich dem Tagebuch des ukrainischen Mädchens Yeva Skalietska, insbesondere ihrem Werk „Ihr wisst nicht, was Krieg ist“. Die Schüler*innen waren sich bewusst, dass der Krieg auch heute in Europa präsent ist und suchten nach persönlichen Perspektiven jenseits politischer Schlagzeilen. Jeder Jugendliche malte in einen imaginären Koffer Dinge, die er auf der Flucht mitnehmen würde. Dieser kreative Akt erlaubte eine unmittelbare, sinnliche Auseinandersetzung mit dem Thema Flucht, Sicherheit und Verlust. Die Kofferbilder standen als Symbol für Sehnsüchte, Haltungen und Bedürfnisse der jungen Menschen und halfen dabei, Gewalt, Risiko und Unsicherheit zu vergegenwärtigen, ohne nur abstrakte Zahlen oder Fakten zu verwenden. So entstand ein greifbares Bild davon, wie sich Krieg im Alltag der Betroffenen auswirkt und welche Bedeutung Mitgefühl sowie ziviles Engagement in solchen Situationen haben kann.

Gruppe drei konzentrierte sich auf Anne Franks Tagebuch, wobei der Fokus auf der literarischen Bedeutung lag, die umso größer ist, da Anne die entscheidenden Texte im jungen Alter zwischen 13 und 15 Jahren niederschrieb. Die Schüler*innen ordneten zudem die Berichte in das Geschehen des II. Weltkriegs ein, die Anne durch das Abhören der BBC entnahm und in ihr Tagebuch aufnahm. Dieser Aspekt zeigte, wie Zeitzeugnisse jenseits der familiären Perspektive die eigene Schreibstimme beeinflussen und wie Jugendliche damals auf äußere Ereignisse reagierten. Durch das Einfügen dieser Berichte in ihr Tagebuch wurde sichtbar, wie Text als Zeugnis wirken kann und wie der historische Kontext literarische Bruchstücke zu bedeutsamen Erinnerungen verbindet. Kreativ wurde diese Thema im Symbol einer Friedensmauer umgesetzt.
Am Ende der Projekttage gab es für die Jugendlichen der Praxisstelle eine weitere Erfahrung: Sie hörten den Vortrag eines Zeitzeugen der DDR. Dieser schilderte anschaulich das Leben als Jugendlicher und junger Erwachsener im geteilten Deutschland, berichtete aber auch über Fehlentwicklungen der Wende und der Wiedervereinigung sowie deren Bedeutung für das heutige Leben. Dieser Vortrag bot eine wichtige Perspektive, die jenseits der bekannten Geschichten lag und dazu anregte, die deutsche Geschichte in ihrer Vielfalt zu begreifen. Die Mischung aus persönlichen Erinnerungen, historischen Einordnungen und kreativen Aktivitäten machte den Unterricht zu einer vielschichtigen Erfahrung, die über das übliche Lernformat hinausging.
Insgesamt war die Woche eine interessante und wichtige Alternative zum regulären Unterricht. Die Verbindung aus Biografiearbeit, literarischer Analyse, kreativ-visionshaften Übungen und direkter Zeugenperspektive ermöglichte den Schüler*innen eine tiefergehende Auseinandersetzung mit Fragen der Menschlichkeit, Freiheit, Identität und Verantwortung. Durch die Auseinandersetzung mit Anne Franks Tagebuch, der Biografie ihrer Mitmenschen und den Berichten aus anderen historischen Kontexten erhielten die Lernenden ein breiteres, vernetztes Verständnis dafür, wie individuelle Lebenswege von historischen Entwicklungen beeinflusst werden und wie Gruppen- sowie Unterrichtsprozesse sich gegenseitig stärken können. Die Projekttage trugen dazu bei, Geschichte lebendig zu machen, Empathie zu fördern und die Bedeutung von Zivilcourage in der Gegenwart zu betonen. Sie dienten damit nicht nur dem Faktenwissen, sondern auch der persönlichen Reifung und dem politischen Bewusstsein der jungen Menschen.


